Wadi Rum: Wüstenkletterromantik mit Kardamomgeschmack

Wo kann man einen Ausgangspunkt für Mehrseillängenrouten auf dem Kamelrücken erreichen, einen Friend legal in einen klaffenden Sandsteinriss rammen, nach dem Klettern mit einem Beduinen plaudern und Tee trinken, und das alles zum süßen Klang der Rufe des lokalen Muezzins zum Gebet, der durch die Wüste hallt? Nur im Wadi Rum! Und erst die Aussichten!

Wie kommt man dorthin?

Auf jeden Fall per Flieger! Es gibt mehrere Möglichkeiten. Man kann in die jordanische Hauptstadt Amman, nach Eilat im benachbarten Israel oder direkt nach Aqaba, einer jordanischen Hafenstadt in der Nähe von Wadi Rum, fliegen. Es liegt nahe, sich für den Weg von Amman nach Wadi Rum ein Auto zu mieten, um unterwegs in der antiken Stadt Petra vorbeizuschauen (dafür, dass es als siebtes Weltwunder gilt und ein Unesco-Denkmal ist, gibt es jedoch ziemlich viel Müll und große Unordnung, und die Dichte der hiesigen Verkaufsstände ist in etwa so groß wie auf der Karlsbrücke in Prag) und im Toten Meer zu baden. Wenn ihr nach Eilat fliegt, nehmt am Flughafen ein Taxi zur jordanischen Grenze, die ihr aber zu Fuß überqueren müsst. Man besucht etwa 10 Schalter mit Funktionären und Funktionärinnen, erhält 3 Tickets, 5 Stempel, 4 Aufkleber, kommt an ein paar Typen mit Maschinengewehren vorbei und, juhuu, schon ist man in Jordanien! Von der Grenze geht es dann mit dem Taxi weiter entweder nach Aqaba, wo ihr ein paar Vorräte kaufen könnt, oder direkt nach Wadi Rum (ca. 40 km). Wenn ihr nach Aqaba fliegt, geht ihr genauso vor, wie vorab beschrieben, nur ohne den Transfer Eilat - Aqaba.

Vor Ort

Wadi Rum ist ein Dorf mitten in einem Klettergebiet und erinnert angesichts des Tals, in dem es liegt, ein wenig an Chamonix. Nur stellt euch anstelle des Montblanc-Massivs das Jebel-Rum-Massiv und anstelle des Kamms Aiguille Rouge das Nasrranni-Massiv vor.

Anstatt mit Bussen zu fahren, reitet man hier auf Kamelen. Und im Gegensatz zu Chamonix regnet es hier nur an zwei Tagen im Jahr. Da ihr hier wahrscheinlich längere Zeit klettern wollt, solltet ihr euch eine Unterkunft suchen. Wadi Rum ist touristisch ziemlich exponiert. Daher gibt es viele Möglichkeiten. Meist handelt es sich um Wüstenappartements, also kleine Hütten aus Beton, die mit Teppichen, Matratzen, einer Küche und einem als Toilette dienenden Loch im Boden ausgestattet sind. Zu den Felsen gelangt man zu Fuß. Wenn ihr auch woanders klettern möchtet, probiert auf jeden Fall den Barrah Canyon. Dorthin fahren Jeeps. Es lohnt sich, ein paar Tage zu bleiben. Ihr werdet euch noch lange nach der Rückkehr in die Heimat an die Wüstennächte mit einem Himmel voller Sterne erinnern. Aber aufgepasst, in Barrah gibt es keine Quelle. Wenn ihr also mit dem Fahrer eines Jeeps auch das Ausleihen von Kanistern vereinbart, solltet ihr unbedingt betonen, dass diese vorher nicht für Benzin genutzt wurden, damit es euch nicht wie uns ergeht. Benzin ist zweifellos eine nützliche Flüssigkeit, aber für Trinkwasser eignen sich Brausetabletten besser.

Wie man dort klettert

Der Fels im Wadi ist in sogenannte Dome gegliedert, die direkt aus der Wüstenlandschaft herausragen. Da es die Briten waren, die das Klettern im Wadi Rum einführten, findet ihr hier nicht allzu viele Sportrouten, obwohl sich das in letzter Zeit langsam ändert. Die Sicherung erfolgt hier mit klassischer Ausrüstung für Sandstein (Schlingen), die ihr mit Friends, Klemmkeilen und einem Magnesia-Beutel am Hintern ergänzen könnt. An den meisten Ständen findet man zumindest ein paar verblasste Schlingen, die man jedoch mit eigenem Material absichern oder ergänzen sollte. Achtung! Die Tragfähigkeit der Schlingen nimmt in der starken Wüstensonne ziemlich schnell ab. Also doppelt gesichert hält besser!

Welche Routen kann man im Wadi Rum klettern?

Zum Aufwärmen empfehlen wir die Route Black Magic mit Schwierigkeitsgrad 5c und zehn Seillängen unweit des Dorfes – etwas Abenteuer, ein bisschen Suchen, hier und da ein mit Schlingen gesicherter Stand, und schon seid ihr oben.

Die Merlin Wand mit Schwierigkeitsgrad 6a ist die bekannteste Route des Barrah Canyons. Der schöne Riss mit fünf Seillängen verbirgt keinerlei Tücken, ist aber extrem fotogen. Ihn zu bezwingen, ist nicht nur für Rissenthusiasten ein Erlebnis.

Lion heart mit Schwierigkeitsgrad 6b bietet 11 Seillängen erstaunlichen Riss-Eck-Kletterns und ist definitiv eine der Perlen der Gegend. Der Zugang zur Route ist einfach. Brecht aus dem Wüsten-Wadi in Richtung Saudi-Arabien (also nach Süden) auf, bis ihr nach etwa einem Kilometer auf einen Baum stoßt. Ihr könnt ihn nicht verfehlen, weil es hier keine anderen Bäume gibt. Biegt am Baum rechts ab, und schon seid ihr da. Wenn ihr Glück habt, laden euch die ortsansässigen Beduinen nach dem Klettern in ihr Zelt auf einen Tee ein und machen das Erlebnis perfekt.

Raid mit the Camel (7a, 14 Längen) ist eine großartige Linie in der Hauptwand von Jebel Rum, in deren schwierigsten Passagen ihr Bohrhaken findet. Die Route bietet nicht nur eine Mischung aus Wand- und Eckklettern, sondern auch einen Kamin, einen Riss und zum Abschluss zwei leichte, aber der Sonne ausgesetzte Längen fürs Reibungsklettern.

Auf der anderen Seite des Nassrani-Nord-Massivs befindet sich La Guerre Sainte, eine tolle Wand mit 11 Seillängen und Schwierigkeitsgrad 7b, die von Arnaud Petit höchstselbst gelegt wurde. Belohnung für den zweistündigen Einstieg ist nicht nur außergewöhnliches Klettern an einer 400 Meter langen Platte, sondern auch ein atemberaubender Blick auf die unbewohnte Wüste. Wenn ihr Ski dabei habt, könnt ihr damit die Düne am Fuße der Wand herunterfahren.

Rock Empire mit Schwierigkeitsgrad 8a von den tschechischen Erstbesteigern Ondra Beneš und Tomáš Tomajda Sobotka verläuft links der bereits erwähnten Raid mit the Camel und schließt nach acht Längen an diese an. Sich auf die Löcher im superfesten Sandstein einzustimmen, ist eine entscheidende Fähigkeit in den schwierigsten Längen dieser herausfordernden Schönheit. Mit einem Wort: Großartig! Keine Angst, die Crux befindet sich direkt unterhalb der Kette der dritten Seillänge und kann gesichert werden. Wenn ihr die Route also nicht ewig lange einüben möchtet, könnt ihr problemlos weiterklettern.

Ein paar praktische Hinweise

Was die Sicherheit angeht, gibt es nichts zu befürchten. Jordanien gilt als Oase des Friedens und der Ruhe, und dies nicht nur im Vergleich zum Nachbarland Syrien. Die Jordanier sind im Allgemeinen freundlich zu Europäern und Touristen, aber es ist gut, ein paar Sätze des lokalen Business-English zu lernen. Kontakt mit Fremden nehmen Jordanier ebenfalls in freundlichem Ton auf („Hello my friend“), worauf meist sofort eine klare Aussage folgt („I have special price for you“). Man sollte erwähnen, dass das Gespräch mit einem Jordanier freundlich bleibt und man eine Menge Interessantes erfährt, auch wenn man nichts beim ihm kauft.

Es ist gut, die lokale Kleiderordnung zu befolgen – nicht die Schultern und (idealerweise auch nicht) die Knie entblößen. Das heißt, Miniröcke und Bikinis zu Hause zu lassen!

Obwohl bei ihnen in der Küche ein unglaubliches Durcheinander herrscht, kochen die Jordanier großartig. Ihr braucht also keine Angst zu haben, Hummus, Hühnchen oder andere Köstlichkeiten in Aqaba zu genießen. Direkt im Wadi kochte zur Zeit unseres Aufenthalts der freundliche afghanische Koch Abu Ali in seiner Spelunke. Ob er noch da ist, müsst ihr vor Ort jedoch selbst herausfinden. Mit Alkohol ist es angesichts der muslimischen Natur jedoch problematischer. Glücklicherweise gibt es in Aqaba ein sogenanntes Laster-Zentrum, in dem man Bier und etwas Stärkeres in einem Spezialgeschäft kaufen kann (fragt nach dem Liquer Shop), vor dem ihr einen Kaffee trinken und fröhlich an einer Wasserpfeife saugen könnt.

Und erst der Kaffee! Ihr solltet ihn unbedingt probieren, und zwar auf jeden Fall den echt jordanischen – mit Kardamom und jeder Menge Zucker. Ich verspreche euch, dass ihr während eures Aufenthalts in Jordanien keinen Gedanken an euren geliebten Espresso Macchiato verschwenden werdet.

Also nur zu, das Wüstenabenteuer wartet!

FOTO: Ondra Horáček, Alena Čepelková, Standa Mitáč