Ohne Magnesium von 3er- zu 12er-Routen

Spektakuläre historische 3er-Routen, coole 7er-Routen, gefürchtete Meisterwege, ein paar Meilensteine von Weltformat, aber auch supermoderne 12er-Routen. Darüber hinaus anspruchsvolle Wandrouten über Leisten und Waben, atemberaubende Risse, brutale Reibungsrouten, endlose Kamine und athletisch schwierige Überhänge. All das finden Sie in der wunderschönen Landschaft der Sächsischen Schweiz.

Sachsen (gemeint ist das Klettergebiet der sächsischen Sandsteinfelsen) erstreckt sich entlang beider Ufer der Elbe, unmittelbar, nachdem dieser stolze und majestätische Strom die ÖMV-Niederlassung in Hřensko, den Markt mit Plüsch-Hirschen und Handtüchern und den Duty-Free-Shop passiert und schnell die Tschechische Republik verlässt. Auf 95 km2 findest du knapp 1.100 Türme und über 17.000 Kletterrouten. Genug, um hier ein ganzes Kletterleben zu verbringen. Und dieses Leben wäre definitiv nicht arm an Erlebnissen!

Das Gebiet der sächsischen Schweiz ist groß. So groß, dass es aus mehreren Unterregionen besteht. In Schmilka und Schrammstein klettert man zu Beginn des Frühjahrs, weil es dort viele Südwände gibt, an den Affensteinen hingegen eher im Sommer, weil es dort umgekehrt ist. Zum Kleinen und Großen Zschand geht, wer Romantik sucht und ein wenig spazieren gehen möchte, und nach Rathen, wer nach dem Klettern ein Eis essen oder eine Bootsfahrt unternehmen möchte. Nach Bielatal gelangst du wahrscheinlich, wenn du kleine Kinder hast oder wenn du deiner Großmutter, die mit einer Laufhilfe unterwegs ist, das Klettern in Sachsen zeigen willst oder wenn du ganz einfach nach einer Party ausnüchtern willst. Und auf die Tafelberge (Gebiet der Steine) fährt man, wenn man Abwechslung sucht oder woanders schon alles bestiegen hat. Das ist natürlich eine grobe Vereinfachung, aber in Sachsen gibt es so viele Klettermöglichkeiten, dass man das Ganze etwas kurzfassen muss.

Schmilka und Schrammstein  Frühjahrs-Klettergebiete mit Südwänden
Affensteine   Sommer-Klettergebiet mit Nordwänden
Rathen   viele Touristen, aber auch ein entspannender Dreikampf aus Eis, Bier und Bootfahren  
Bielatal   Baby- freundlich, bequeme Zugänge
Kleiner und großer Zschand   für Romantiker und Wanderer
Tafelberge   wenn du schon alles bestiegen hast oder nach Abwechslung suchst



Wie orientiert man sich dort?

Wer der deutschen Sprache mächtig ist, dem empfehle ich sechs (ja, sechs!) Teile des ständig überarbeiteten Kletterführers von Dietmar Heinecke mit seinen bunten Umschlägen und dem praktischen Format. Darüber hinaus ist ein ausgewählter Topo-Kletterführer von der sächsischen Kletterlegende Bernd Arnold mit dem treffenden Namen Der Elbsandsteinführer erhältlich. Der Hit der letzten Saison war der dreiteilige Foto-Guide TOPO-Kletterführer. Jedenfalls kannst du mit dem Kauf der genannten Führer keinen großen Fehler machen. Erhältlich sind sie online, auf tschechischer Seite bei Hudy-Sport in Hřensko oder in den Sportgeschäften in Bad Schandau und Höhenstein.

Wie man dort klettert

In Sachsen klettert man nur an trockenen Türmen, und zwar nur aus eigener Kraft, ohne den Einsatz Metall-Sicherungsgerät wie Friends oder Klemmkeilen und ohne den Einsatz von Magnesium und anderen Chemikalien (natürlich an den Händen). Es kann jedoch zu jeder Jahres- und Tageszeit geklettert werden, und es können UFO-Klemmkeile aus Schlingenmaterial (aber nur gummierte) verwendet werden. Dies nur als kleiner Auszug aus den wichtigsten sächsischen Regeln. Um es noch komplizierter zu machen – Ausnahmen bestimmen die Regel, also: Es wird auch an ein paar Massiven und manchmal sogar auch bei Regen (pfui!) geklettert. Aber Magnesium wird hier wirklich nicht benutzt.

Um die Gipfel zu bezwingen, genügt dir die klassische Ausrüstung für Sandstein, das heißt ein Satz von Schlingen aller unterschiedlichen Profile, Durchmesser und Längen, ein Klettergurt, ein Seil und ein bisschen Entschlossenheit und Mut. Es empfehlen sich auch ein Kletterhelm und die obengenannten UFO-Klemmkeile, die jedoch laut dem konservativeren Teil des hiesigen Klettergesindels den Wert einer Besteigung mindern.

Wie kommt man dorthin und wo kann man übernachten?

Transportmöglichkeiten gibt es unendlich viele. Aus der Ferne gelangt man mit dem Flieger oder einem anderen Verkehrsmittel nach Dresden. Das Herz von Sachsen erreicht man dann per Schlauchboot auf der Elbe, per Bahn, Fahrrad, Bus, zu Fuß oder mit dem Auto. Die meisten Kletterer reisen mit dem Auto oder der Bahn an. Aufgrund der touristischen Exposition Sachsens gibt es überall genügend Parkplätze, mancherorts muss man 3 € berappen, anderswo ist das Parken kostenlos. Du kannst auch die berühmten gelben Ausflugsstraßenbahnen nutzen, die von Bad Schandau durch das Kirnitschtal zu einem Ort namens Beuthenfall fahren, von wo aus du zu den Affensteinen gelangst. Zum Übernachten empfehle ich Überhänge, da dies in Sachsen erlaubt ist. Ein solcher Überhang muss jedoch mit einem entsprechenden grünen Schild gekennzeichnet sein, und man darf hier kein Feuer machen. Derart markierte Überhänge gibt es überall an den Schrammsteinen, den Affensteinen, in der Gegend um Schmilka und am Kleinen Zschand.

Die monströseste 3er-Route der Welt und weitere Empfehlungen

Und schlussendlich – was soll man dort klettern? Welche der tausenden Routen kann man empfehlen? Nun ja, gehen wir dies mal gefühlsmäßig und rein subjektiv an. Der Schusterweg (Klassifizierung III) aus dem Jahre 1892 auf den berühmten Falkenstein ist die monströseste 3er-Route der Welt. Auf 150 Höhenmetern kannst du versuchen, einen Felswinkel zu erklimmen, eine Reibungsroute, eine Wand oder einen Kamin zu klettern, auf einem Felsvorsprung zu balancieren und durch einen Kamin abzusteigen und das Ganze mit der Überwindung zweier Grate im Bärenstil zu krönen. In einem der Kamine stößt du gewiss auf die Bronzebüste des Erstbesteigers Oscar Schuster. Es heißt, dass jeder, der an Oscar vorbeiklettert und nicht dessen Nase küsst, innerhalb eines Jahres von einem Unglück heimgesucht wird!

Wenn du mit Oscar fertig bist, dann auf zu weiteren Routen! Der 80 Meter hohe Falkenstein bietet rund einhundertfünfzig davon. Wie wäre es zum Beispiel mit dem Südriss (Schwierigkeitsgrad VIIa)? Der majestätische, durch die Südwand führende Riss ist in Sachsen legendär. Am Anfang klettert man ihn durch leichtes Traversieren zum Riss, dann ein paar Schritte in Froschstellung, mit den Handtellern paddeln und als Sahnehäubchen einen dreißig Meter langen Kamin. Drei Ringschrauben, wunderschön!

Und welche 8er-Routen sollte man versuchen? Mit der Westkante VIIIa am Wilderkopf, der weltweit ersten, mit Stufe VII auf der UIAA-Skala bewerteten Route, kannst du nichts falsch machen! Durch den Kamin zwängst du dich zum Felssims hinauf, der sich durch die Südwand des Wilderkopfes zieht. Von dort aus kletterst du weiter über die Wand zur Ringschraube, von der aus du nach links zur abgerundeten und ziemlich luftigen Kante traversierst. Dort drehst du dich zur Seite, atmest ein paarmal tief durch und kletterst auf Reibung vorbei an der nächsten Ringschraube hinauf zum Gipfel. Für das Jahr 1918 ein echte Leistung. Hut ab vor Emanuel Strubich!

Wenn du etwas drauflegen möchtest, probier eine Direktvariante mit dem etwas unerwarteten Namen Direkte Westkante RP VIIIb vom (ebenfalls) legendären Herbert Richter. Die Route folgt der Falllinie der oberen Kante. Mit einem großen Schritt gelangst du vom Stein zu einer leicht überhängenden Wand, die sich später in eine Kante und noch später in einen perfekten Riss verwandelt, den man mittels Handklemmer bezwingt. Das Problem ist, dass man nach den ersten paar Schritten schlecht wieder zurück auf den Stein gelangen würde. Der Stein liegt zwar in einem perfekten Sandkasten, in den man gerne hineinspringen würde, aber genau unter dir liegt immer noch dieser Stein. Also nichts wie hinauf. Irgendwo in der überhängenden Wand ist angeblich eine Sanduhr versteckt, aber die Suche gestaltet sich schwierig und die Zeit rennt. Die einzige Möglichkeit ist eine prosaische Flucht zu einer sich in etwa 8 Meter Höhe befindlichen Ringschraube. Von dort aus führt eine weniger schwierige Kante mit einer weiteren Ringschraube und ein paar Zügen im Riss zu einem großen Felsvorsprung, wo de facto die eigentliche Route beginnt, die dir nach dem Klettern der direkten Variante nur noch wie eine nette Radtour erscheinen wird.

Zur Beruhigung könnten wir noch eine sportliche 9er-Route versuchen, denn Sportrouten (in Anführungszeichen) gibt es, wie erstaunlich, auch in Sachsen genug. Für warme Tage eignet sich beispielsweise die Route Das muss kesseln RP IXb in der eleganten, schmalen Ostwand der Rathener Amselspitze. Es genügen fünf Expressen für die Ringschrauben und ein paar Schlingen und Karabiner für das Endstück der Route Rengerweg VIIc, die übrigens auch wunderschön ist!

Oder wie wäre es mit der Route Landkarte RP VIIIc in der Wolfsfalle an den Affensteinen? Die prächtige, von Arnold selbst gelegte Wandroute mit fünf Ringschrauben ist auf jeden Fall einen Versuch wert. Es gibt keinen besonders schweren Schritt auf dieser Route, aber dennoch – 40 Meter technisch schwieriger Wellen mit Rotpunkt-Grad erfordern eine gewisse Selbstverleugnung.

Wenn du auf der Suche nach einer imposanten 10er-Route bist, probier unbedingt Arnolds Buntschillernde Seifenblasse RP Xa am oben genannten Falkenstein.

Es gibt auch 11er- und 12er-Routen in Sachsen, aber die sind wahrscheinlich sehr schwierig, weil sie nicht nur danach aussehen, sondern auch nicht allzu häufig geklettert werden.

Für Liebhaber von Spalten, Ecken und Rissen ist die Auswahl im sächsischen Elbsandsteingebirge groß. Neben dem bereits erwähnten Südriss (wo du jedoch nur 5 Meter in einem echten Riss kletterst) kannst du beispielsweise den Schildbürgerriss am Müllerstein (VIIIa), die Talseite am Schwager (IXa), die Ostrisse am Dreifingerturm (VIIIc) und Kilometer weiterer Risse probieren.

Und dabei haben wir von Höllenhund, Blozstock, Brosinnadel und Teufelsturm noch gar nicht gesprochen – sie alle sind Überdominanten. Wenn du noch nicht genug haben solltest, such im Kletterführer nach ihnen!

Ein guter Rat zum Schluss

Die wichtigste Empfehlung ist, weder unnötig viel Respekt zu haben, noch die Situation zu unterschätzen. Also ist es eigentlich wie überall. Kurz gesagt, sicher dich gut, nimm ein paar Schlingen, ein paar Expressen, schäm dich nicht für die Windel (um dir die Hände abzuwischen) und los geht's!

Meisterwege:

Liste der schwierigsten Routen ganz Sachsens aus dem Jahr 1974, die 92 Einträge enthielt. Wer fähig war, pro Jahr 12 davon zu klettern, erhielt die prestigeträchtige "Meisterklasse". Es handelt sich um ein Überbleibsel der zentralen Planung und der etwas absurden Leistungseinstufung im Klettersport der damaligen DDR. Es gibt Menschen, die diese Routen suchen, und solche, die sie meiden. Einige sind wunderschön, aber nicht alle. Aber für eine intensive Erfahrung reicht jede von ihnen.

FOTO: Ondřej Horáček, Jiří Hušek, Jakub Jandík