Jernej Kruder: Bemüht sich auf den Felsen zu fliehen

Jernej Kruders langfristiger Plan ist es, bis zu seinem Tode zu klettern. Um dies durchzuhalten und weiterhin am Klettern Spaß zu haben, lernte er, verschiedene Disziplinen abwechselnd zu betreiben. Und er ist in allen gut – vom Bouldern bis zu Bigwalls.

Im Moment bist du hauptsächlich mit dem Reisen zu Weltcups beschäftigt – sind Wettkämpfe im Jahr 2019 deine Priorität?

Mein Herz gehört dem Felsklettern, aber weil ich die olympische Herausforderung angenommen habe, muss ich dieses Jahr an so vielen Wettkämpfen wie möglich teilnehmen.

Wirst du eine Wettkampfpause einlegen, um draußen zu klettern?

Wie schon gesagt, ich klettere am liebsten an Felsen. Während der Wettkampfsaison ist keine Zeit für größere Projekte, aber ich freue mich immer, wenn ich mal vom Training zu den Felsen entfliehen kann. In Slowenien ist das zum Glück nicht allzu schwierig.

 

Hast du gerade irgendwelche Projekte im Kopf?

Ich habe kurz- und langfristige Projekte. Mein erstes und im Grunde relativ kurzfristiges Projekt ist es, mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Zwischen den Wettkämpfen werde ich von Zeit zu Zeit versuchen, in meine Heimatgebiet Sopota zu entfliehen, wo ich zwei 9a/+ -Projekte vollenden möchte. Im Sommer möchte ich – wenn es zeitlich klappt – ein paar Mehrseillängen in den Alpen klettern. Und den Herbst habe ich für ein paar Ausflüge in die Schweiz und nach Kroatien reserviert. (Anm.: Mehr übers Klettern in Kroatien erfahren Sie hier)

Wirst du dieses Jahr auch an Wettkämpfen am Seil und im Speed-Klettern teilnehmen?

Die olympische Kombination erfordert, dass wir in allen drei Disziplinen trainieren und bei Wettkämpfen antreten, also ja.

Was denkst du über die olympische Kombination? Viele Kletterer verurteilen sie, aber du hast früher auch an Speed-Climbing-Wettkämpfen teilgenommen, das heißt, du beurteilst sie wahrscheinlich nicht so streng.

Ich glaube, niemand mag die olympische Kombination. Aber jetzt ist es zu spät, irgendwas damit zu machen, und es liegt einzig an uns, damit klarzukommen oder die Hände in den Schoß zu legen und uns zu beklagen. Zum Glück mag ich das Klettern am Seil und das Bouldern, daher fällt es mir nicht so schwer, für beides zu trainieren. Speed-Climbing unterscheidet sich grundlegend von diesen beiden Disziplinen, macht mir eigentlich aber auch Spaß. Es ist gut, um allgemeine Kraft und Dynamik zu entwickeln. Sein Nachteil ist, dass es schrecklich anstrengend ist und Zeit raubt, die man sonst für ordentliches Bouldern und Seiltraining verwenden könnte.

Deinen Kletterstil könnte man als sehr dynamisch und kraftorientiert bezeichnen – wie bist du dazu gekommen?

Ehrlich gesagt –  ich habe keine Ahnung, woher diese verrückte Dynamik kommt. Ich sage mir oft, dass ich einfach Glück hatte und damit geboren wurde. Ich habe noch nie speziell trainiert, um diese Dynamik zu erlangen, und wann immer ich bei Wettkämpfen einen Boulder sehe, der Dynamik erfordert, weiß ich, dass ich ihn bezwinge. Auch auf Platten bin ich ganz gut, aber das ist allein eine Frage des Trainings.

"Mein wichtigster langfristiger Plan ist es, bis zum Tod beim Klettern zu bleiben."

 

Was ist dein Antistil?

Hüftflexibilität.

Versuchst du, Routen, die dir nicht sitzen, zu meiden oder betrachtest du sie als Herausforderung?

Ehrlich gesagt, ich vermeide sie lieber. Aber wenn ich schon so eine Route angehe und letztlich bezwinge, ist der Sieg umso süßer. Im Allgemeinen bevorzuge ich jedoch Routen, die mir sitzen, denn wenn ich klettere, wozu ich in der Lage bin, genieße ich es in vollen Zügen. 

Wie viel Zeit opferst du dem Training?

Weniger als früher. Klettern ist für mich nicht nur Hobby oder Sport, es ist meine größte Leidenschaft und mein Job. Und deshalb brauche ich ein Gleichgewicht zwischen hartem Training und Klettern nur so zum Spaß.

Hast du einen bevorzugten Kletterpartner, Sicherer und Trainingspartner?

In Slowenien bin ich ehrlich gesagt froh, wenn ich jemanden fürs Seil finde. Aber beim Bigwall-Klettern achte ich sehr darauf, mit wem ich das mache. Zum Beispiel kann ich mir nicht vorstellen, El Cap mit jemand anderem als Marco Jubes zu besteigen. Und was das Training angeht, bin ich froh über jeden, der mir Gesellschaft leistet, unabhängig von der Leistungsklasse.

Was ist dein Lieblings-Klettergebiet?

Die Welt ist riesig. Und viele Gebiete – egal wie groß – bieten gute Klettergelegenheiten. Wenn ich mich wirklich entscheiden müsste, dann wohl fürs Tessin.

"Wiederholtes Scheitern steigert den Wert einer Route, wenn man sie dann endlich bezwingt."

 

Welche deiner Routen schätzt du am meisten? Und über die Bezwingung welcher Route hast du dich am meisten gefreut? 

Schwierige Frage. Ich habe viel Zeit damit verbracht, meine erste 9a-Route in meinem Heimatgebiet zu planen. Und dann ist da natürlich Dugi rat 9a+, die schwierigste Route Kroatiens, für die ich fünf Mal zurückkehren musste, um sie zu bezwingen. Und es gibt eine Reihe von Projekten, die mich noch mehr Zeit gekostet haben, die ich aber immer noch nicht bezwungen habe.

Wiederholtes Scheitern erhöht den Wert einer Route, wenn man sie dann endlich bezwingt. Und aus dieser Sicht hat die Erstbezwingung von Dugi rat 9a+ für mich den höchsten Stellenwert. 

Und was sind deine mittel- und langfristigen Pläne?

Der wichtigste langfristige Plan ist, bis zum Tod beim Klettern zu bleiben. Ich werde immer nach schönen Projekten Ausschau halten – seien es 8C/+ Boulder oder schwierige Mehrseillängen im Gebirge. Ich muss verschiedene Kletterstile abwechseln, um mich nicht zu langweilen. Momentan bin ich voll und ganz mit Wettkämpfen beschäftigt, aber sobald die Olympiade vorbei ist, möchte ich zurück zu El Capo oder irgendwo anders hin.